Obdachlos

„Und wenn ich heute nach Hause komme, will ich, dass Du mir die Tür aufmachst, mein Gesicht siehst und mich ohne ein einziges Wort in Deine Arme ziehst. Ich will mich da einfach nur einkuscheln und nichts, überhaupt nichts mehr von der Welt sehen. Ich will, dass Du mir einen warmen Kakao machst, weil ich von diesem schrecklichen Herbstwetter so durchgefroren bin. Dann werde ich Dich aufs Sofa ziehen, unser grünes, kuscheliges Ungetüm, das eigentlich viel zu groß ist für unser winzig-großes Wohnzimmer. Aber es war das Möbelstück, auf dem wir die drei magischen Worte zum ersten Mal gesagt haben, also haben wir es mitgenommen. Da wird die rote Kuscheldecke liegen, unter der wir beide genug Platz finden, und uns warm halten, während wir stundenlang erzählen, was der Mann, der mir in der Bahn gegenüber saß, für eine merkwürdig spitze Mütze trug, die ihm nicht mal über die Ohren reichte. Und darüber, was dein Chef für eine originelle Meinung zu Copy-and Paste von Standardbriefen hat. Originell ist hier übrigens eine Umschreibung für verbiestert, bockig, idiotisch,…-Ich weiß jedenfalls, was Du meinst. Und dann werden wir irgendwann heimlich, still und leise einschlafen, vielleicht wieder mitten im Satz, weißt Du noch? Und auch, wenn auf unserem grünen Ungetüm nie genug Platz für uns beide ist, macht uns das Wirrwarr aus Deinen starken Armen, verknotet mit meinen Beinen und meinen Händen, verwuschelt in Deinen Haaren, gar nichts aus. Denn es gibt für uns beide nicht Schöneres als diese Nähe und das Geborgensein.“

Doch ich werde nach Hause kommen in eine kalte Wohnung, die noch nach der halb gegessenen Fertigpizza von gestern riecht. Ich habe wieder aus Gewohnheit deine Salamipizza mitbestellt-natürlich ganz schön scharf, wie immer. Ich werde meinen Blick in den Kühlschrank mit einem Seufzen kombinieren und beschließen, direkt im Anschluss an das einkaufen zu fahren, was jeden Tag auf meiner To-Do-Liste steht. Ja, ich bin ein Mensch mit solchen Listen geworden, weil ich an nichts anderes denken kann und somit derartige Banalitäten, so belangloses Zeug einfach ignorieren würde, gäbe es diese Liste nicht. Ich nehme wieder meine Autoschlüssel und fahre los. Den Weg finde ich auch unbewusst. Meine schweren, wasserdichten Stiefel platschen durch die Pfützen. Siehst Du, sogar der Himmel weint. Und dann sehe ich es. Seit gestern hat sich nicht viel verändert. Der kleine Buchsbaum in der linken Ecke thront auf dem frischen Erdhügel, dahinter die versteckte Gießkanne. Du hast immer noch ein kleines weißes Holzkreuz. Ich kann deine Verachtung für dieses Ding förmlich spüren. („Weiß? Ehrlich jetzt?“-Nicht mal heiraten wolltest Du in Weiß.)

Und wenn ich nach Haus komme, wird es kein Nachhausekommen sein, denn Du bist mein Zuhause. Und obwohl ich mit der Pizza in unserer kuscheligen Wohnung lebe, ist mein Herz seitdem obdachlos. Und natürlich fahre ich nicht einkaufen.

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