Brief an jemanden, der sich selbst nicht liebte

Als ich Dich traf, hielt ich deine Selbstzweifel für Schüchternheit und fand sie süß, wollte Dir helfen, sie zu überwinden und Dir zeigen, was für ein wundervoller Mensch Du bist.

Bei dem Versuch scheiterte ich an der Erkenntnis, dass „Selbstzweifel“ bei Dir längst in zerstörerischen, absoluten Selbsthass übergegangen waren. Nahtlos, auch wenn Du Dir stellvertretend so viele zugefügt hast.

Es tut mir weh, wenn ich spüre, wie sehr Du Dich wegwünschst.                                               Von der Gesellschaft, von mir, von dieser Welt.

Ich hätte nie gedacht, dass ich jemanden so lieben könnte. Ich dachte, das wäre bloß Tand der alten Schule, dieses Gefasel von übergroßen, überwältigenden, übermächtigen Gefühle, derer man nicht Herr werden kann. Und trotzdem stehen wir beide jetzt hier und ich empfinde genau das. Und Dich zu lieben wegen allem, was Du bist, kannst, für mich darstellst, verursacht mir beinahe körperliche Schmerzen.

Wenn ich es kann, nach allem, was ich erleben musste, wenn ich dann noch so tief lieben kann, wieso kannst Du es nicht? Nicht spüren, nicht erwidern?

Denkst Du, Du bist es nicht wert? Oder müsstest besser sein, würdest es nicht verdienen, mich nicht verdienen?  Warum sind Deine Ansprüche an Dich so unerreichbar hoch? Niemand ist perfekt. Was hindert Dich daran, Dich so anzunehmen, wie Du bist? Du musst ja gar nicht all Deine Schwächen akzeptieren, aber nimm sie wahr und arbeite an ihnen! Ich verspreche, Dir zu helfen mit allem in meiner Macht stehende.

Und obwohl meine Gefühle für Dich bedingungslos und über jeden Zweifel erhaben sind, beschleicht mich, wie ein Tiger auf dem Sprung, immer die Frage: Wenn der allergrößte Teil Deiner Energie auf den Kampf mit Dir und gegen Dich selbst gebündelt ist, hast Du neben all dem Hass in Deinem Herzen überhaupt noch Platz für mich? Kannst Du überhaupt sehen, was ich für Dich fühle? Kannst Du meine Liebe überhaupt in all ihrer Tiefe und Bedeutsamkeit begreifen? Und: Kannst Du sie erwidern?

Wie willst Du mich lieben können, wenn Du nicht einmal Dich selbst lieben kannst?

Weißt Du überhaupt, was Liebe ist? Oder liebst Du mich nur, weil ich Dich liebe?

Vielleicht maße ich mich auch nur an, Deine innere Welt zu kennen. Ich will gar nicht sagen, dass Dein Schicksal ein leichtes war. Ich will nur, dass Du Dich ihm stellst, in dem Vertrauen, dass ich an Deiner Seite sein werde. Ich weiß nicht, ob es dadurch leichter wird, aber ich kann Dir versprechen, dass Du da nicht allein durch musst. Und ich hoffe, dass dieser Gedanke Dich dazu bringt, zurück zu kommen in diese Welt. In der das, was Du am meisten hasst, Du selbst bist.

Und doch ist Dein verzweifeltes Klammern an diesen brodelnden Hass nur der Angst geschuldet, sich dem Schmerz zu stellen. Denn so lange Du der Welt diese Maske voller Ressentiment und Feindseligkeit zeigen kannst, musst Du Dein Leid nicht spüren. Aber ich bitte Dich inständig: Hab den Mut, Dich selbst wiederzufinden, auch wenn Du Dich dafür durch den ganzen Haufen Mist wühlen musst, den Du so über die Jahre angesammelt hast. Ich verspreche Dir, ich helfe Dir. Ich lasse Dich nicht allein. Ich liebe Dich.

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